Brief einer Unbekannten FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG - Rhein-Main-Zeitung / Kultur


BRIEF EINER UNBEKANNTEN
Von Adolf Fink

... Reinhard Hinzpeter hat für seine Inszenierung den für unseren Geschmack etwas vollmundigen Text gekürzt, ihn aber ansonsten wortwörtlich übernommen. Er hält ihn noch immer für tauglich ein weibliches Schicksal nachzuzeichnen. Der Bühnenausstatter Gerd Friedrich zitiert mit brennender Kerze und Polsterstuhl seine fin-de-siècle-Vergangenheit, um am Schluß die Weite eines Raumes mit herabhängendem Himmel zu zeigen.

Bettina Kaminski wirkt wie eine aus der Faßbinder-Crew: Sie verschafft dem kühlen Text einen emotional-lebendigen Kontext, bewegt sich mit großer Sicherheit zwischen dem Glück des Einst und der Katastrophe des Jetzt. Ihre Klage am Totenbett ihres elfjährigen Knaben setzt bewegende Momente frei. Wenn sie zunächst mit abgewendetem Kopf von ihrer Kindheit erzählt, um dann den Blick auf die Zuschauer zu richten, als sie vom Geliebten berichtet, macht sie das Publikum subtil zum Adressaten. Gegen Ende gerät sie an den Rand des Wahnsinns: Eine Art Totentanz im weißen Rüschenkleid der Jahrhundertwende hebt an.

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