Fernweh FRANKFURTER RUNDSCHAU / Feuilleton


SCHAUEN, STAUNEN, LAUSCHEN
Von Jutta Baier

Aus Stefan Zweigs Erzählung ´Brief einer Unbekannten´ wird auf der Bühne ein veritables Drama, bestehend aus vier Akten und klassisch eingerahmt von Prolog und Epilog. Der Raum liegt im Dunkeln, nur eine hohe Kerze spendet ein flackerndes, unruhiges Licht ; der Schatten einer Frau schält sich heraus, sie hüstelt à la "Kameliendame" und läuft wie aufgescheucht hin und her, sie ist verzweifelt , weint, wirft sich zu Boden, schluchzt und ringt die Hände: Ihr Kind ist gestorben, erfahren wir, ihr einziges Kind, das sie drei Tage und drei Nächte bewacht hatte und das starb, als sie vor Erschöpfung eingenickt war.

Bettina Kaminski von Freien Schauspiel Ensemble entfaltet ihre enorme Kunst der Illusionierung. Sie spielt nicht eine Rolle, sondern ist mit ihrer Figur verschmolzen, sie ist eins mit ihrer Empörung, ihrer Hoffnungslosigkeit bis an den Rand des Erträglichen - bis zu dem Punkt, wo ihre Not in Gefahr ist, theatralisch und lächerlich zu wirken. Doch genau in diesem Moment bricht die Szene ab. Eine gänzlich unsentimentale Musik setzt zeitgleich mit einem schräg einfallenden Lichtstrahl den Schlusspunkt unter die allzu heftige Trauer und die bedrohlich näherkommende Gefühligkeit.

Der erste Akt in Form einer Rückblende und Rekonstruktion der Ereignisse kann beginnen. Die Tonart wechselt , aus der noch Verhärmten wird eine junge Frau, die sich in einem imaginären Dialog an den Vater des Kindes wendet. Es war der heitere, wohlhabende und berühmte Schriftsteller R., den sie als junges Mädchen, als sie noch Wohnungsnachbarin war, bereits geliebt hatte. Indes sie für ihn nie mehr als eine Zufallsgeliebte, eine von den vielen namenlosen Frauen gewesen, deren Zuneigung er ebenso sehr genoss wie er sie gleich danach vergass. Ein paar Nächte hatte er mit ihr verbracht, und da sie stolz war und nichts von ihrer langen und unbeirrbaren Liebe erwähnt hatte noch je versucht war, ihn mit dem gemeinsamen Kind zu konfrontieren, wusste er nichts von seiner Vaterschaft.

In vier Teilen entspinnt sich dieser wundersame Roman von einem Leben,in dem nichts Platz hatte und nichts zählte ausser der Liebe zu einem Mann, der abwesend war. Es sit eine unwahrscheinliche Geschichte, eine von der Art, die immer schon im Verdacht standen, dass die Wirklichkeit eine Sache sei, die andere aber, was einer an Verstiegenheiten und Künsteleien sich ausdenkt.

Zweig greift auf die gemütvolle Erzählweise des 19. Jahrhunderts zurück, der Stoff kommt aus der Gartenlaube, und der Schauplatz ist, auch wen er Wien heisst. Ein romantisches Niemandsland, in dem der Zufall, die Ereignisse so säuberlich und planvoll vor sich her weht, bis sie ein schönes, rundes und herzerweichendes Schicksal ergeben.

Reinhard Hinzpeter hat die Erzählung in seiner präzisen und behutsam-kargen Inszenierung, in der nur mit Licht und Schatten und einigen wenigen musikalischen Akzenten gearbeitet wird, beinahe von ihrem Kitsch befreit. Man wehrt sich nicht gegen das Dräuende, sondern gerät, nicht zuletzt dank der Darstellerin und der zarten, nuancenreichen Innigkeit ihres Spiels, in dessen Sog.

Regelrecht verwöhnt wird man so, muß nichts weiter tun als schauen, lauschen und staunen: Wie konsequent, wie gradlinig und in sich geschlossen so ein Leben früher doch war; aus einem einzigen Charakterzug ergab sich alles weitere und war überschaubar

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