FRANKFURTER NEUE PRESSE - Feuilleton
Printausgabe vom 26.02.2007

RACHE FOLGT AUF RACHE
Von Astrid Biesemeier

Von wegen, Rache ist süß. Aus Rache ermordet Klytämnestra mit ihrem Geliebten Aegisth ihren Mann Agamemnon. Denn Agamemnon hat die Tochter Iphigenie den Göttern geopfert. Um den ermordeten Vater Agamemnon zu rächen, will wiederum Elektra Klytämnestra und Aegisth töten – zählt dabei auf ihre Schwester Chrysothemis und hofft auf die Rückkehr ihres Bruders Orest.

Reinhard Hinzpeter hat Hofmannsthals „Elektra“ sehr klar und konsequent auf die unterschiedlichen Positionen und somit auf die vier Protagonisten zusammengekürzt. Mit seinen Schauspielern nimmt er Sichtweisen und Argumente der Figuren sehr ernst und denunziert keine. Nicht die rebellische, mal klar räsonierende, mal sich in Hass redende und in schwarz gekleidete Elektra (Bettina Kaminski). Aber auch nicht Klytämnestra (Michaela Ehinger), deren weißer, seidener Morgenmantel die eigentlich zarte, innerlich gebrochene, da Gewissensbisse verdrängende Frau mehr verrät als verhüllt. Allein ihre Plateauschuhe bleiben als Symbol der Macht, ihr Gang jedoch ist alles andere als fest.

Und kann man Chrysothemis (Michaela Conrad) verurteilen, die im geblümten Rock rührend emotional ihr kleines Glück und den Wunsch nach Kindern verteidigt und aus Angst nicht dem Racheplan ihrer Schwester folgen will? Oder ist nur der als Saubermann aus einer anderen, heileren Welt zurückkehrende Orest (Adrian Scherschel) legitimiert, ein auf Mord gegründetes Regime abzuschaffen?

Wie in vielen politischen aber auch privaten Konflikten gibt es nicht die eine Wahrheit – und leider keinen Kompromiss. Die trennenden Gräben sind tiefer als der Wunsch nach Versöhnung. So ist der leere Bühnenraum auch düster, Annäherungen finden nicht statt. Bis auf Orest und Elektra trennt immer ein dunkler Korridor die miteinander Sprechenden, deren Positionen richtig und falsch zugleich sind. Das ist die unbequeme, aber einzig mögliche Wahrheit, mit der Hinzpeter das Publikum entlassen kann. Allein der letzte Satz Elektras könnte einen Ausweg aus der Spirale weisen, dass auf Rache Rache folgt. Vielleicht gäbe es Hoffnung, müsste sie nicht sagen „Ich kann mich nicht lieben“.

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