Fernweh FRANKFURTER NEUE PRESSE / Kultur
Printausgabe vom 5.11.2008

EIN BÜRO IST KEIN FERIENPARADIES
Nicht nur für Urlaubsreife ist die musikalische Revue «Fernweh!»
mit dem «Freien Schauspiel Ensemble» Frankfurt
von Astrid Biesemeyer

Davon, dass ein Büro keine Insel der Seligen ist, kann wohl so mancher ein Liedchen singen. Das «Freie Schauspiel Ensemble» zeigt singend und tanzend auf heiter-ironische Art in der Musikrevue von Reinhard Hinzpeter, was keine freundliche Dienstleisterstimme gegenüber einem Kunden gestehen würde: Ich will raus. Auf der Bühne stehen einige Rechner, deren einheitsgrau wohl auch der Stimmungsfarbe der drei Call-Center-Mitarbeiter entsprechen dürfte. Hinter ihnen erhebt sich eine Palme wie ein Versprechen auf eine andere Welt – aus Plastik.

Während die ersten Lieder «Sehnsucht» von «Purple Schultz» oder «Ich war noch niemals in New York» (Udo Jürgens) tiefe Blicke in die fernwehgeschundenen und nach Ausbruch dürstenden Seelen gewähren, röhrt Bettina Kaminski schon ziemlich showreif und energiegeladen ihren Zorn mit «Ich leb noch» von Rio Reiser ins Mikro. Mit «Born To Be Wild» entpuppen sich Michaela Conrad, Bettina Kaminski und Adrian Scherschel als ziemlich scharfe Feger, die ihrem grauen Alltag endgültig den Büroblues austreiben. Und siehe da: Die Sache mit den Kontaktanzeigen während der Arbeit funktioniert zwar noch nicht so richtig gut, dafür tanzt und singt Adrian Scherschel den «Dschinghis Khan». Und Conrad spielt wunderbar die an unterdrückter Überforderung Leidende. Dass dieses bebrillte Büromauerblümchen nicht grundlos Leopardenbluse trägt, zeigt sich noch, wenn sie mit Federboa die Dietrich mimt und ihren Träumen von einer Femme fatale mit «Buenos Dias, Argentina» Ausdruck verleiht.

Die Instrumentierung der Songs (Oliver Augst und Marcel Daemgen) ist herrlich süßlich und so weichgespült, wie es mit der Realität wenig kompatible Sehnsuchtsmelodien zu sein haben. Daher auch gewiss nicht der Sound, der den Aufruf «Get Up Stand Up» (Bob Marley) wirklich werden lässt. Beim nächsten Anruf bei einer Hotline oder im Call-Center wird man garantiert an diesen Abend denken! Aber dann bitte nicht lachen. Und die Zugabe in der Schmidtstraße einfordern, nicht am Telefon.

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