Sache FRANKFURTER RUNDSCHAU - Feuilleton
Printausgabe vom 27.10.2008

DIE TOTALE KARAOKE-BÜRO-SHOW
"Fernweh!" vom Freien Schauspiel Ensemble
von Natalie Soondrum

Auf der Bühne stehen Computer wie Treibgut, im Hintergrund eine Plastikpalme. In diese Kulisse stürmen Michaela Conrad, Bettina Kaminski und Adrian Scherschel, wie Rockstars vor ein aufgeheiztes Publikum. Und röhren "Ich hab keine Zeit" von Müller-Westernhagen in die Mikros. Das rockt - und dabei bleibt es an diesem Abend. In einer Art Mega-Karaoke-Show serviert das Freie Schauspiel Ensemble Frankfurt einen Song nach dem anderen, alle der Kategorie "peinliche Lieblingslieder" entnommen. Der Mix von Oliver Augst und Marcel Daemgen reicht von der 80er-Jahre-Schmonzette "Sehnsucht" (Purple Schulz) über "One Night in Bangkok" (Murray Head) bis "Born to be wild" (Steppenwolf) und " Wir steigern das Bruttosozialprodukt" der berüchtigten NDW-Band aus dem Pott, Geier Sturzflug. Das passt in diese Gesangs-Büro-Revue, die "FernWeh" heißt und von Dauer-Urlaubsreife und dem Traum vom Ausbrechen aus dem Alltag handelt.

Boshaft nimmt Regisseur Reinhard Hinzpeter die Welt der Arbeit aufs Korn. Das Heer der globalen Arbeitnehmer sitzt vor dem Computer. Es arbeitet unablässig daran, den Schein einer totalen Konsumwelt aufrecht zu erhalten, deren dankbarster Abnehmer es zugleich ist. Bettina Kaminski klemmt in einem schwarz-weiß karierten Rock, aus dem eine pinkfarbene Bluse quillt. Pink sind auch die Plastikscheiben an den Ohrläppchen, zwischen denen Kaminski ein aufs Amüsanteste frustriertes Gesicht aufsetzt. Doch erst bei ihrem Solo-Auftritt kommt die Figur, die sie verkörpert, so recht zur Geltung. Energiegeladen wie die junge Nina Hagen flippt sie aus. Das spießige Pink wird zum Punk-Accessoire.

Michaela Conrad dagegen, die eine dünne Brillenschlange gibt, an der eine Chiffonbluse mit Leoparden-Orchideen-Muster schlabbert, wirft sich zum Tango-angehauchten Song eine Federboa um. Mit rauchig-tiefer Stimme ist sie jetzt mondän wie Marlene Dietrich. Und Adrian Scherschel - ein Bürohengst in betongrauer Bundfaltenhose - springt plötzlich auf die Zehenspitzen wie Shakin' Stevens in seinen besten Zeiten. Die Krawatte schwingt keck im Takt.

Das Ganze ist zum Brüllen komisch, doch zwischendrin möchte man die Zähne blecken angesichts so viel grässlicher Kulturindustrie. Wenn nicht der Impuls, zu den duftig weichgespülten Klängen der Hammond-Orgel mit dem Fuß zu wippen, so viel größer wäre. Es ist zum aus der Haut und in den Urlaub fahren.

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