von Ödön von Horváth mit Bettina Kaminski |
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Venus, die Göttin der Liebe, war die vollkommene Frau. Sie vermochte es, vor Liebe blind zu machen. Venus bekam, wen und was sie wollte. Jede Frau kann eine Venus sein: schön, stark, mächtig, erfolgreich. Jede von uns.
Elisabeth, 34 Jahre, gut gebaut, arbeitslos, läßt sich nicht schrecken von den ´schlechten Zeiten´. Getreu dem Motto: Wer hoch denkt, kommt weiter! gründet sie kühn ihr eigenes Unternehmen: Mieder, BHs, Strapse en gros. Unerschrocken, ge-rissen und blauäugig stürzt sie sich ins Marktgetümmel. Leider fehlt ihr das Anfangskapital. Und schon gerät sie in die Mühlen der Gesetze, Verordnungen, Erlasse und einstweiligen Verfügungen und verfängt sich rettungslos im Netz des Kleingedruckten. Auch die Liebe scheint nur zeitweilig eine Rettung. Aber: Es wird besser, immer besser, es wird besser, immer besser....
Horváth gelingt es in seinen Dramen meisterhaft, die komö-diantische Drastik des Volkstheaters, beissende Sozialsatire und hinreissendes Seelendrama miteinander zu verbinden. Die Bearbeitung des Freien Schauspiel Ensembles radikalisiert den Originaltext und verengt, bewußt subjektivistisch, den Blick: Eingeschlossen, wie in einem Tank, rollt Elisabeth durch ihre eigene Lebensgeschichte. Nur durch den schmalen Sehschlitz ihrer Wahrnehmung entstellt, erfährt der Zuschauer die Wirklichkeit. Ein Monodrama von beklemmender Scharfsicht und dreistem Überlebenswillen.
PRESSESTIMMEN:
FRANKFURTER NEUE PRESSE von Marcus Hladek
Mit Bierschnute im sozialen Fegefeuer
Im Frankfurter Philanthropin spielt Bettina Kaminski Ödön von Horváths "Glaube Liebe Hoffnung " in Reinhard Hinzpeters Regie als Monolog.
Darüber, wie der Regisseur des Freien Schauspiel Ensembles mit "Glaube Liebe Hoffnung" umgesprungen ist (ein Horváth-Mix-Salat plus Gewürze aus einem Frauen-Karrierebuch, Titel: "Die Venusstrategie"), kann man sehr geteilter Meinung sein. Der eigentliche, das heißt der Theater-"Text" auf der Bühne ist ihm, seiner einzigen Darstellerin und nicht zuletzt den Machern von Raum und Licht (Musik: Oliver Augst) aber bemerkenswert konzentriert, sorgfältig und stimmig geglückt.
Gerd Friedrichs Bühne reduziert die Szenen des "kleinen Totentanzes in fünf Bildern " auf einen tiefen, nackten Schuhkastenraum mit einer vier, fünf Meter langen, hellen Holzbank, die im vorderen Teil – streng achsensymmetrisch – dem Zuschauerraum zugewandt ist. In seinen Farben, Helligkeitsgraden, Ausschnitten und besonders Rhythmen trägt das einfallende Licht viel dazu bei, Kaminskis ständig wechselndes Rollenspiel, das ihre Elisabeth so beflissen absolviert wie Kafkas äffischer Rotpeter im "Bericht an eine Akademie", auf der Szene flüssig, variabel und spannend zu strukturieren und zu stützen.
Vor der Übergröße der Sitzbank aber schrumpft sie als 34-jährige Arbeitslose im rosaroten Kurzrockkostüm zum Persönchen. Dagegen strampelt sie vergeblich an, auch schon bei Horváth.
Mit einem Wandergewerbeschein für Unterwäsche sucht sie, ganz harmlos, auf eigene Füße zu kommen. Das misslingt; wie auf einem Katarakt fremder Dummheit, Behördenpedanterie, Geschlechter-Egoismus und Rachgier stürzt sie nur immer mehr ab. Vom Anatomischen Institut, wo sie ihre künftige Leiche verkaufen will, geht es über den Reinfall mit Damenunterwäsche schuldlos ins Gefängnis, dann ins Sozialamt und zu einem Polizisten, der die Braut als angebliche Prostituierte verrät und in den nassen Selbstmord treibt. Ein gerichtsnotorischer Fall aus der Zeit des Dramas (1936).
Um ihre verschiedenen Personen, diese Masken ihrer selbst im sozialen Fegefeuer, gehörig abzusetzen, arbeitet Kaminski mit wirksamen, auch grellen Mitteln – einer bierdumpfen Schnute und Diktion, Hund-und-Herrchen-Kretinismus, laszivem Reiten auf der Lehne im seideglänzenden BH. Dennoch steckt viel Präzision, genaues Hinschauen und Witz darin. Dass alles immer besser, immer besser werde (so Elisabeths Mantra) und jeder eine Chance habe, wenn er sich nur anstrengt, lautet zwar die pubertierende Ideologie der Inseln der Seligen im Westen. Horváth, Hinzpeter und Kaminski wissen und zeigen es besser.
Frankfurter Allgemeine Zeitung von Claudia Schülke
Horváths Ich-AG
Glaube Liebe Hoffnung
Venus war nie arbeitslos, und auf dem Olymp brauchte sie keinen Gewerbeschein. Aber Elisabeth, 34 Jahre alt, prall gebaut und ohne Startkapital, braucht einen für ihre Ich-AG. 1500 Mark kostet er, und 1500 Mark kostet das Bußgeld dafür, daß sie ohne ihn ein Gewerbe als Dessous-Händlerin begonnen hatte. Ein gerührter Präparator , dem sie ihre Leiche für die anatomische Forschung verkaufen will, spendiert ihr das Geld für den Gewerbeschein, den ihr zugleich eine Auftraggeberin für Vertreterdienste vorstreckt. Als der väterliche Gönner von der Geldstrafe erfährt, fühlt er sich hintergangen und zeigt Elisabeth wegen Betrugs an. Auch der Polizist Alfons läßt sie sitzen, weil er fürchtet, daß eine Vorbestrafte seine Karriere behindern könnte. Da springt Elisabeth vor Hunger und Müdigkeit in den Fluß.
Im Philanthropin steigt sie danach wie Venus aus dem Bade des Bühnenhintergrunds: die Frau ohne Arbeit von heute, die den 'unwiderstehlichen Karriereratgeber für Frauen' von Claudia A.Enkelmann gelesen hat. Aber die Venusstrategie kommt heute genausowenig an wie zur Zeit Horváths. Um 1930 wurde dem österreichisch-ungarischen Dichter die Geschichte der unglücklichen Inspektorentochter Elisabeth zugetragen, die er sogleich zu einem 'kleinen Totentanz' in fünf Bildern verarbeitete. 1936 wurde Glaube Liebe Hoffnung unter dem Titel Liebe Pflicht und Hoffnung im Wiener Theater am Schottentor uraufgeführt. Jetzt hat Reinhard Hinzpeter, Regisseur und Prinzipal des Freien Schauspiel Ensembles, das Stück bearbeitet und mit Bettina Kaminski als Ich-Ensemble aufgeführt.
Hinzpeter hat den Originaltext auf die subjektivistische Perspektive der Hauptfigur eingeengt. Bettina Kaminski stöckelt nicht nur als selbstbewußte, aber überforderte Frau über die Holzdielen, mit denen Bühnenbildner Gerd Friedrich die Spielfläche ausgelegt hat, sie geifert auch als seniler Präparator, spreizt sich als Dessous-Verkäuferin, flirtet als Alfons und setzt sich als vermeintlicher Lebensretter in Szene. Ihre Elisabeth hat zwar all ihre Bedränger internalisiert, wird aber immer noch von vielerlei gesellschaftlichen Über-Ichs in die Enge getrieben: von Stimmen aus der Konserve, die ihr positive-thinking verordnen, wohlfeile Ratschläge und Empfehlungen für das Berufsleben erteilen oder im Ton der Volksliedersammlungen aus dem 19.Jahrhundert ihr Leid klagen. Eine hervorragende Leistung der Aktrice.