Szenen einer Ehe Fernweh FRANKFURTER NEUE PRESSE - Kultur
Printausgabe vom 19.11.2007

ZWEI SELBSTMÖRDER BEGEGNEN SICH

Schon der Titel ist eine Übersetzung des griechischen Begriffs "Utopie". An Thesenhaftigkeit lässt Christa Wolf es in ihrem Prosawerk ohne Gattungsbezeichnung denn auch nicht fehlen. Ihre Grundidee, zwei große Selbstmörder der Literatur, den posthumen Klassiker Heinrich von Kleist (1777-1811) und die trotz allen Feminismus' minder bedeutende Dichterin Karoline von Günderrode (1780-1806) in Winkl am Rhein, an Günderrodes künftiger Todesstätte, zu einer Begegnung zusammenzuführen, die nie stattfand, bleibt gleichwohl bestrickend. Wenn Hinzpeters Regiearbeit gelungen ist, und so darf man sie nennen, dann vor allem, weil er die Chance des Theaters wahrnimmt, nämlich im ersten Schritt auf allfällige Thesen pfeift und alles aus dem Gegenüber zweier plastischer Figuren und Körper auf der Bühne entwickelt.

Nicht, dass ihn Wolfs Gedanken über die frühe Ahnung der Folgen einer verdinglichten Vernunft im Blick des Dichters und der Unterdrückten nicht interessierten. Doch gibt Gerd Friedrichs Bühne zu verstehen, wie vom Scheitern zweier Menschen in und an ihrer Zeit aus gedacht wird. Zu sehen ist ein quadratisches Podest von vielleicht drei Metern Seitenlänge, auf dem unter weiß-beigen Tüchern in wechselndem Licht zwölf verhüllte Sofas stehen: eine leere Wohnung mumienhaft bandagierten Mobiliars als Bild stillgestellter Zeit. Das Todesbild macht aus dem schönen Spiel dieser Günderrode (Bettina Kaminski im weißen Mantel mit zurückgebundenem Haar) und dieses Kleist (in Schwarz, mehr Offizier als der porträtbekannte Dichter: Adrian Scherschels) ein Geistergespräch. Beide spielen konzentriert und karg in Mimik und Gestik.

Dabei reicht die Konstellation über die Todessymbolik hinaus. Schenkt Gott ein Fortleben, so müsste es wohl die Einschränkung unserer besten Entfaltungsmöglichkeiten ungeschehen machen; so utopisch zeigt sich zumindest Hinzpeters melancholische Demiurgenfantasie, wenn er im Spaziergang der beiden die mögliche Vervollständigung der Unvollständigen ahnen lässt, und sei es als erotisches Zusammenfügen. (dek)

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