"Jemand musste Josef K. verleumdet haben,
denn ohne dass er etwas Böses getan hätte,
wurde er eines Morgens verhaftet...."
// Fotos
Ein Prozess wird gegen ihn eröffnet. Und je mehr K. seine Unschuld beteuert und gegen das hohe Gericht, das er nie zu sehen bekommen wird, aufbegehrt, umso mehr verstrickt er sich in den Prozess und umso rätselhafter und unbegreibarer wird ihm das gesamte Verfahren.
Was ist das für ein Prozess? Wer klagt ihn an? Und weswegen? Was ist das für ein Kampf, den K. führt, und gegen wen? - Kämpft er gegen eine korrupte Behörde? Gegen einen entfremdeten Verwaltungsapparat? Gegen anonyme Machthaber? Gegen Gott? Gegen die Welt? Gegen das Leben? Gegen sich selbst, seine Ansprüche, seine Widersprüche, seine Angst, seine Selbstverachtung?
Die Roman-Inszenierung des Freien Schauspiel Ensembles sucht, die existentiellen Strukturen des Werks unmittelbar erfahrbar zu machen, aber zugleich - durch seine ästhetische Abstraktion - die faszinierende Vieldeutigkeit seiner Metaphorik zu bewahren.
PRESSESTIMMEN
aus FRANKFURTER RUNDSCHAU vom 26.02.3006 // Jutta Baier
Eben wusste Josef K. noch, wer er ist
Das Freie Schauspiel Ensemble Frankfurt zeigt Kafkas "Prozess" schnörkellos als Demontage eines Menschen
Er sei verhaftet, sagen die beiden Männer, die sich am frühen Morgen Zutritt in Josef K.s Pension verschafft haben. Doch K., verschlafen noch und im Glauben, es handle sich um einen Scherz, verlangt kategorisch sein Frühstück. Kurz darauf muss er einsehen, dass die beiden es ernst meinen, und K., ein eigentlich unbescholtener, angesehener Bürger, arrangiert sich überraschend schnell mit seinem neuen Status - fast wie mit einer vorübergehend unabänderlichen Gegebenheit. Zwar beteuert er seine Unschuld, spricht vom Irrtum des Gerichts, in dessen Namen die Männer vorgeben zu handeln. Die naheliegendste Frage aber nach dem Grund seiner Verhaftung und nach den einzelnen Anklagepunkten stellt er nicht.
So beginnt die erste Szene in Kafkas Roman Der Prozess, in Frankfurt jetzt in einer dramatisierten Fassung von Reinhard Hinzpeter zu sehen. Die Situation da ist jedoch ungleich rigoroser und eindeutiger. Es gibt kein Bett, aus dem K. emporschreckt, er sitzt vielmehr von Anfang an auf der Anklagebank, vorgegeben durch den ungewöhnlichen Spielort. Hinzpeter hat mit seinem Freien Schauspiel Ensemble den weiten und enorm hohen Raum der Martin-Luther-Kirche gewählt und ihn nur geringfügig verändert: Ein Teil der Kirchenbänke wurde umgedreht und zur Zuschauertribüne gemacht, während gegenüber aus dem übrigen kleineren Teil die Darsteller agieren.
Die vorzeitige Festlegung auf eine Gerichtssituation ist - wie der Prolog der Aufführung, in dem Kafkas Brief an den Vater verlesen wird - eine interpretatorische Hilfe. Die zentralen und stets changierenden Begriffe des Romans wie Schuld, Strafe, Macht, Autorität oder Willkür, die im Brief auf eine konkrete Begebenheit bezogen sind, erfahren so eine biografische Grundierung; sie verorten den oft spekulativ im Jenseits religiöser Mystik und Metaphysik ausgedeuteten Roman im Konkreten, ohne ihn auf eine Lesart zu fixieren.
Der Prozess, der da etwa Josef K. gemacht wird, ist trotz der harten Anklagebank nie bloß Gerichtsprozess, sondern stets auch Selbstvernehmungsprozess, stockender, widerwilliger und widersprüchlicher Aufklärungsprozess fast im psychoanalytischen Sinn der eigenen Lebensgeschichte. Auf der anderen Seite nutzt Hinzpeter den Prozesscharakter mit seiner dialogischen Grundstruktur für eine ungemein klar durchgearbeitete Inszenierung. Kleine Verhör- und Gesprächssequenzen folgen da aufeinander, markiert von harten Lichtwechseln und einem kurzen düsteren Orgeltremolo.
Es gibt keine Requisiten, nichts was den Darstellern zur Hilfe käme, nur den kahlen Raum und das nackte Wort. Dieses Wort freilich steht den Darstellern in einer Weise zu Gebote, wie man es lange nicht mehr gehört hat, weder anderswo noch bei Hinzpeter. Zuallererst ist natürlich Josef K. zu nennen, gespielt von Adrian Scherschel, der in der dreistündigen Aufführung fast ununterbrochen im Zentrum der Aufmerksamkeit steht und keine Sekunde in seiner Präsenz nachlässt. Es ist, als ob ihm die Rolle auf den Leib geschrieben wäre, so durch und durch ist er dieser Josef K., so überzeugend versteht er die Facetten und Schwankungen seiner Figur zu verkörpern.
Zunächst einmal steht er fest auf dem Boden der Realität, ein Karrieremensch, kurz davor Direktor einer großen Bank zu werden, einer der weiß, wer er ist, und das seine Umgebung mit einiger Arroganz auch spüren lässt. Durch das über ihm schwebende Gerichtsverfahren setzt ein schleichender Zerrüttungsprozess ein, lässt ihn immer fahriger werden, unsicherer, devoter auch, bis er sich schließlich fast freiwillig zur Hinrichtung führen lässt. Wie Adrian Scherschel das macht, wie er zugleich die Balance hält zwischen einerseits konkreter psychologischer und andererseits gleichnishafter Figur - das ist in der insgesamt bemerkenswert feinen und klugen Inszenierung ein Theaterereignis für sich.
Und kommt so zur Geltung doch nur, weil auch die übrigen, mehrfach besetzten Figuren auf Augenhöhe agieren. Bettina Kaminski, Axel Gottschick und Hans-Peter Schupp, alles Schauspieler, die teils fest, teils locker mit dem Ensemble assoziiert sind - auch sie hat man selten so konsequent und durchdacht spielen sehen.
Frankfurter Rundschau vom 26.02.2006