FRANKFURTER NEUE PRESSE / Kultur
Printausgabe vom 05.03.2008
EIN KIND GEGEN EINE FLASCHE WODKA
Das "Freie Schauspiel-Ensemble" zeigt Reinhard Hinzpeters
Inszenierung "Rabenkind" in der Frankfurter Schmidtstraße 12.
Bert Strebe, der Autor, ist Zeitungsredakteur und Lyriker. Mag sein, dass er darum
diesen harten Tobak von Dramenstoff aufgreift, den man leicht als isolierte
Zeitungsmeldung ("faits accomplis") abtun könnte, um der alkoholkranken Mutter, die
ihr Kind verhungern lässt, zugleich einen recht lyrischen Ton auf den Leib zu schreiben.
Nichts davon ist abwertend gemeint. Im Gegenteil. Zum einen ist am Schicksal dieser
21-jährigen Alexa und ihrer Tochter Cora gar nichts Isoliertes, weil Kindstode die Symptomatik
der heutigen Gesellschaft stellen. Sichtbar wird ja bloß die Spitze eines Eisbergs.
Wer wiederum die Sprache bemäkelt, die das Grauen weichzeichne, statt darob zu
zerspringen, verkennt, dass Grauen im Theater immer symbolisch umfangen bleibt.
Trotzdem legt Neda Rahmanian, Hinzpeters Alexa, einen hinreißend realistischen
Auftritt hin, macht ihre Worte im Freizeitanzug mit lallender Zunge und verfilztem
Haar zum Medium hoher Kunst. Sie erschafft ein Elend aus Krankheit, Pech und
Charakterschwäche, Verrohung, Selbstmitleid und einer Mutterliebe, die es, vom
Alkohol ausgehöhlt, schier gnadenvoll ins Vergessen spült.
Gert Friedrichs Bühnenelemente (ein Anstaltsbett zur Linken, ein kleiner Tisch) setzen
Akzente einer Ausnüchterungs- oder U-Haft-Zelle und belassen der Lichtregie mit ihrem Dunkel
und der bunten Monochromie sowie der expressionistisch zerrissenen Zwischenbildmusik größeres
Gewicht. Neben Rahmanian spielt Babette Winter als Stichwortgeberin eine Art Traumspiel-Engel,
den Alexa aus einer Vollzugsbeamtin deliriert.
Medea brauchte einen Pakt und dessen Bruch, um ihre Kinder zu morden. Für Rahmanian als
Medea-Wiedergängerin ist die Tat zur banalen Un-Tat geworden. Wie sie Cora im Tausch
gegen eine Flasche Wodka empfing, tötet sie das lästige Schreibündel, indem sie es
wegschließt und nicht mehr daran denkt. Zuletzt verkörpert sie auch noch die sterbende
Tochter. Wie wunderbar schrecklich ist eine Darstellerin, die das Vegetieren in den
Senkgruben so plastisch macht.