FRANKFURTER RUNDSCHAU - Feuilleton
Printausgabe vom 24.03.2007

SEIFE HILFT AUCH NICHT
Das Freie Schauspiel Ensemble zeigt Hugo von Hoffmannsthals "Elektra"
VON ULRIKE KRICKAU

Klytämnestra stakst auf Schuhen mit Plateausohlen und meterhohen Absätzen umher. Sie kommt nicht davon, nicht mit diesen Schuhen und nicht mit den Erinnerungen an ihren Mord des Ehemannes. In den Händen hält sie ein Stück Seife, aber nein, sie wäscht ihre Hände nicht in Unschuld, dieses Stück Seife ist der Erinnerungsfetisch an die Zeit vor der Schuld, als sie glaubte, eine "saubere" Lösung für die Rache am Tod ihrer Tochter Iphigenie gefunden zu haben. Während die Mutter Gegenwart und Vergangenheit unverbunden nebeneinander stehen lässt, wird ihre Tochter Elektra von dem Verlangen erfüllt, den Tod des Vaters zu rächen. Diese beiden Frauen bilden in der Elektra des Freien Schauspiel Ensembles in der Schmidtstraße das Zentrum der Tragödie von Hugo von Hofmannsthal. Während dre Autor im ersten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts beim Althergebrachten verharrte und es perfektionierte, schritten seine Zeitgenossen zügig voran - in den Ersten Weltkrieg. Der Weg der Elektra ist von ähnlichem Glauben an Erlösung getragen. Das Freie Schauspiel Ensemble zeigt von Hofmannsthals Elektra als ganz und gar reduzierte, auf eine Essenz an Emotionen konzentrierte Inszenierung, die in keinem Augenblick durch Lichteffekte, Geräusche oder Requisiten überlagert wird. Die Bühne ist ein großer offener Raum, durch Stützpfeiler strukturiert, in der Mitte der Rückwand führt ein rot gestrichener Flur hinein in die Realität, die im düsteren Vordergrund verhandelt wird (Bühne: Gerd Friedrich).

Klytämnestra stakst auf Schuhen mit Plateausohlen und meterhohen Absätzen umher. Sie kommt nicht davon, nicht mit diesen Schuhen und nicht mit den Erinnerungen an ihren Mord des Ehemannes. In den Händen hält sie ein Stück Seife, aber nein, sie wäscht ihre Hände nicht in Unschuld, dieses Stück Seife ist der Erinnerungsfetisch an die Zeit vor der Schuld, als sie glaubte, eine "saubere" Lösung für die Rache am Tod ihrer Tochter Iphigenie gefunden zu haben. Während die Mutter Gegenwart und Vergangenheit unverbunden nebeneinander stehen lässt, wird ihre Tochter Elektra von dem Verlangen erfüllt, den Tod des Vaters zu rächen. Diese beiden Frauen bilden in der Elektra des Freien Schauspiel Ensembles in der Schmidtstraße das Zentrum der Tragödie von Hugo von Hofmannsthal. Während dre Autor im ersten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts beim Althergebrachten verharrte und es perfektionierte, schritten seine Zeitgenossen zügig voran - in den Ersten Weltkrieg. Der Weg der Elektra ist von ähnlichem Glauben an Erlösung getragen. Das Freie Schauspiel Ensemble zeigt von Hofmannsthals Elektra als ganz und gar reduzierte, auf eine Essenz an Emotionen konzentrierte Inszenierung, die in keinem Augenblick durch Lichteffekte, Geräusche oder Requisiten überlagert wird. Die Bühne ist ein großer offener Raum, durch Stützpfeiler strukturiert, in der Mitte der Rückwand führt ein rot gestrichener Flur hinein in die Realität, die im düsteren Vordergrund verhandelt wird (Bühne: Gerd Friedrich). Ziellose Bewegungen Klytämnestra, die Unbewegliche, ist eine alt gewordene Schöne mit hohlen Wangen und dunklen Augenrändern. Michaela Ehinger lässt ihre Gesten mit den weichen, ziellosen Bewegungen einer alten Frau ins Leere laufen und im Mittel gegen ihre Albträume Rettung suchen. Dass sie sich an den Mord an ihrem Mann nicht mehr erinnern kann, ist in Michaela Ehingers Darstellung keine bewusst getroffene Entscheidung, sondern die Voraussetzung ihrer Existenz. Elektra (Bettina Kaminski) ist ganz und gar unversöhnliche Erinnerung, längst ist der Gedanke an Rache größer geworden als es Elektra jemals war. Zwischen diesen beiden Frauen steht Chrysothemis, die Schwester Elektras, die Michaela Conrad als Frau zeigt, der das Schicksal die Schultern nach vorne gebeugt und den Leib ausgelaugt hat und die doch noch weiß, dass es möglich gewesen wäre, zu lieben und Kinder zu haben. Orest, der Bruder, kehrt zurück und kann gar nichts anderes sein als der lange erwartete Rächer. Adrian Scherschel steht auf der leeren Bühne, zunächst noch distanziert umgibt er sich mit dem Rauch seiner Zigarette. Doch der einmal eingeschlagene Weg, so falsch er auch sein mag, muss konsequent zu Ende gegangen werden. Undurchdringlich ist in der Inszenierung von Reinhard Hinzpeter das Blendwerk der miteinander verstrickten Gefühle. Der Weg vom Anfang bis zum Ende der Elektra ist eine Fahrt durch einen dunklen Tunnel. Für Seitenwege oder auch nur einen Blick darauf ist es längst zu spät geworden. Mütter - gut, dass wir sie haben. Sie sind der Fixstern in
unserem Beziehungshimmel, dem wir Ursache, Schuld und
Mittäterschaft für fast alles zuschieben können, was
uns an Unbill im Leben begegnet. Und wenn ein vernach-
lässigtes Kind stirbt, wenn eine Mutter als Lebens- und
Nahrungsspenderin versagt, dann erscheint sie uns wie ein Monster.

So ein Untier liegt im Freien Schauspiel Ensemble auf dem Bühnenboden.
Wie eine Figur aus Picassos "Guernica" mit verdrehten Gliedmaßen, ohne
erkennbares Oben und Unten. Der Zuschauer braucht keinen Gesichtsausdruck
zu sehen, die Seele, die in diesem Körper steckt, muss schmerzverzerrt sein.
Neda Rahmanian gibt die alkoholkranke Alexa J., 21, die im Entzug winselnd
nach ihrer Tochter Cora und nach ihrer Droge ruft. "Rabenkind" heißt das
Stück von Bert Strebe, das Reinhard Hinzpeter in Szene gesetzt hat. Und in
der Tat, von Konvulsionen geschüttelt, beschimpft Alexa ihr Dreijähriges,
das nicht kommt, wenn sie nach ihm ruft, weil es verhungert ist.

Alexas innere Leere, die Verdunklung ihrer Seele spiegelt das Bühnenbild von
Gerd Friedrich wider. Neben einem Krankenhausbett und einem Tisch im
Hintergrund begrenzen die geräumige Leere des Bühnenraums allein dämmrige
Kegel kalten Lichts. Sie lassen das Babyblau von Alexas Jogginganzug
grell aufleuchten.

Die helle undramatische Stimme, die Rahmanian ihrer Figur verleiht,
saugt die Zuschauer gerade durch ihre Einfachheit in Alexas Welt hinein.
In Monologen beschwört sie die Anwesenheit ihrer Tochter, ihres
ehemaligen Geliebten Joe, dem Vater ihres Kindes und ihrer eigenen
Mutter herauf.

Die Personen um sie herum nimmt Alexa nur noch als Abbild ihrer eigenen
Mutter im rosaroten Morgenrock wahr. Diese Andere, gespielt von Babette
Winter, repräsentiert die Gesellschaft, die Alexa das Kainsmal der
Kindsmörderin aufdrückt. Gleichzeitig ist sie die übermächtige,
grausame Mutter, die wiederum erklärt, warum Alexa so beschädigt ist.

Es scheint, als stünde die Weite des Theaterraums für den dunklen Kontinent
Frau, der Leben unterschiedslos gebiert und verschlingt. In "Rabenkind" ist
das Weibliche einmal mehr das latent Pathologische, das ohne patriachale
Ordnung dazu verdammt ist, im Chaos unterzugehen. Es braucht schon einen
Mann wie Joe - der sich angewidert von Alexas Fahne abwendet -, um dem
Teufelskreis des Alkohols zu entrinnen. Alexa erzählt , dass Joe aufgehört
hat zu saufen. Das Kind hat er natürlich nicht gerettet. Wie auch, bei der
Mutter und der Großmutter? Emanzipiere sich, wer kann!

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