Frankfurter Rundschau vom 29.02.2008
Mehr als ein Horrorszenario
Interview mit dem Regisseur Reinhard Hinzpeter
über die Produktion RABENKIND von Bert Strebe
Welche Relevanz hat das Stück "Rabenkind" von Bert Strebe?
Von Vorfällen, wie sie dem Stück zugrunde liegen - eine sehr junge Mutter lässt ihr Kind verhungern und verdursten - ,
lesen wir dauernd in der Zeitung. Was davon übrig bleibt, ist ein Horrorszenario. Man fragt sich, wie so etwas passieren kann,
verbunden mit der entsprechenden moralischen Empörung. "Rabenkind" macht auf eine sehr starke Weise begreifbar, wie Alkoholismus
funktioniert und welche Folgen dieser Teufelskreis für die Beziehungen hat, in denen man lebt, und für die Verantwortung,
die man übernommen hat.
Ist "Rabenkind" die Geschichte eines individuellen Versagens?
Ich glaube, dass es ein über individuelles Versagen hinausgehendes Signal ist über die Auswirkungen der gesellschaftlichen
Entwicklung. Es ist kein Zufall, dass in den letzten Jahren so viele vergleichbare Fälle bekannt wurden.
Was kann das Stück zu der aktuellen Diskussion beitragen?
Ich glaube, dass man mehr begreift von dieser Welt, wenn man sich diesem Teufelskreis und den Abhängigkeiten aussetzt
und dabei Ideen entwickelt, wie man dem begegnen,wie man das auffangen kann. Zugleich ist es eine Geschichte darüber,
wie ein Mensch eine große Schuld, die er auf sich geladen hat, einfach verdrängt.
Wie sind Sie auf Stück und Autor aufmerksam geworden?
Darauf hat mich eine Dramaturgin angesprochen. Ich habe zusammen mit dem Journalisten Bert Strebe das Stück sehr
grundsätzlich verändert und so meine Gedanken und meine Strukturvorstellungen mit hinein getragen.
Ist das Stück nun sentimental oder wahrhaftig?
Es ist über weite Strecken sehr wahrhaftig und auch dort, wo es sentimental wird, ist es wahrhaftig. Es gibt
einige wenige Passagen, die literarisch nicht ganz gelungen sind, die ich als Regisseur auch in der Aufführung
sehr stark bearbeitet habe. Aber vieles von der Sentimentalität ist die Sentimentalität der Figuren.
Die Hauptperson, Alexa, die Alkoholikerin, hat eine sentimentales Wesen, und das ist etwas, was es ihr nicht
leichter macht, die Wirklichkeit wahrzunehmen.
Als besonders irritierend erscheint der Monolog des sterbenden Kindes.
Das kann ich gut verstehen. An dieser Stelle versucht der Autor etwas, was man nicht schaffen kann. Er will
die drei Tage des Sterbens auf drei Seiten zusammenfassen. Da muss ich als Regisseur nach einer theatralischen
Möglichkeit suchen glaubhaft zu komprimieren und die Quintessenz daraus zu nehmen. Was ich sehr spannend und
auch beklemmend finde, ist, dass das Kind bis zum Schluss an seine Mutter glaubt. Das ist das Entscheidende
des Monologs: Dieses Kind, so vernachlässigt, verwahrlost und sehr unterschiedlich behandelt es aufgewachsen ist,
liebt doch seine Mutter.
Wie sehr ist die Mutter mit ihrem Kind verbunden?
Einerseits braucht Alexa dieses Kind, einen Haltepunkt im Leben. Sie sagt einmal: "Ich habe doch nichts außer dich."
Aber dann lässt sie das Kind wieder fallen; der Drang auszugehen und sich ihren Stoff zu besorgen, ist stärker.
Interview: Ulrike Krickau
Premiere am 2. März
Weitere Termine: 7./ 8./ 13./ 14. März, 5./ 6./ 10./ April
Letzte Vorstellung am 11. April
FREIES SCHAUSPIEL ENSEMBLE
Schmidtstr. 12, Frankfurt