Rhein-Main-Net vom 4.3.2008

SCHOCKIEREND REAL
Bert Strebes "Rabenkind" in der Kommunikationsfabrik
von Stefanie Diederich

Ein Thema von bestechender Aktualität: Kindstod durch Verwahrlosung. Wie oft in
den letzten Jahren überfluteten schockierende Meldungen von Kindesmisshandlungen
mit Todesfolge die Presselandschaft. Und doch, so erschütternd sie auch waren:
sie blieben weitestgehend an der Oberfläche. Der Autor Bert Strebe führt das Publikum
mit seinem ersten Theaterstück mitten hinein in die Innenwelt dieser Thematik. Was mit
dem Monolog einer scheinbar betrunkenen am Boden liegenden jungen Frau beginnt, entpuppt
sich schnell als ein vielschichtiges "Sozialdrama". Die Frau ist Alexa. Inzwischen
24 Jahre alt, seit drei Jahren im Gefängnis. Verurteilt wegen Mordes an ihrer
dreijährigen Tochter Cora. Das "Rabenkind", wie Alexa ihre tote Tochter teilweise
geradezu zärtlich nennt, war seiner alkoholkranken Mutter bei deren Sucht im Weg,
überforderte sie mit ihren ganz normalen Bedürfnissen nach Essen und Trinken,
ihrer Sehnsucht nach Nähe. Cora musste qualvoll verhungern und verdursten, weil
ihre Mutter gefangen in ihrer Sucht schlichtweg vergaß, dass da jemand war,
der sie brauchte.

Schnell wird klar: die junge Frau ist Täter und Opfer gleichermaßen. Aufgewachsen
in einem Umfeld häuslicher Gewalt gibt es für ihr eigenes Leben scheinbar kein
Entrinnen. Auch nach drei Jahren Gefangenschaft weigert sich Alexa hartnäckig
ihre Schuld einzugestehen. Im Gegenteil, sie baut sich ihre eigene Welt, eine Welt,
in der ihre Tochter noch lebt. In Rückblicken enthüllt sich das Leben von Mutter
und Tochter. Strebe gelingt es, der einfachen Sprache Alexas durch eine Vielzahl
an Symbolen und Bildern eine unbeschreibliche Tiefe zu verleihen. Die Symbolhaftigkeit
setzt sich in der Art der Inszenierung von Reinhard Hinzpeter konsequent fort. Licht
und Dunkelheit prägen ganz wesentlich das Bühnenbild. Einziges Mobiliar: ein Bett,
ein Schreibtisch. Die Ausstattung stammt von Alexas Zelle.

Ohne Alkohol ist Alexas Welt dunkel. Hat sie "genug", wird es hell, werden die
Schmerzen erträglich, lässt das Jucken ihrer Haut nach. Die einzelnen Szenen werden
unterbrochen von Momenten absoluter Finsternis. Langsam zeigt sich ein Entwicklungs-
prozess. Während sich die Alexa am Anfang des Stücks noch vollständig im Wahn ihres
völlig "normalen" Lebens vor Coras Tod befindet, spielt sie in der vorletzten Szene
den Tod ihres Kindes nach. Das könnte der Wendepunkt für sie sein.

Neda Rahmanian füllt die Rolle der Alexa sehr überzeugend mit Leben. Man "muss" sich
einfühlen und erhält einen sehr detaillierten Eindruck in die Welt einer Alkoholab-
hängigen, in ihre Denkweise. Es ist erschreckend und faszinierend zugleich. Fordert auf,
einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Nicht zu urteilen. Besser, beeindruckender hätte
die Rolle der Alexa nicht verkörpert werden können. Barbette Winter setzt in der Rolle
einer unbekannten Fremden, die Alexa in den unterschiedlichsten Rollen durch ihre
Erinnerungen begleitet, einen wunderbaren, ruhigen, rationalen Gegenpol. Langsam,
bedacht, mit einer Stimme, in der man versinken möchte, erscheint sie immer wieder
aus der Dunkelheit - und geht in diese zurück. Die beiden Frauen sind das perfekte
Duo für dieses sehr schwere und bedrückende, aber mindestens ebenso sehens- und
erlebenswerte Stück. Die Aufführung ist eine grandiose schauspielerische Leistung,
überzeugend inszeniert. Es blieb nichts offen, aber viel Nachdenklichkeit zurück.

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