von Kerstin Specht |
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Ein absurder, makabrer Show-Down zweier Helden. Sami und Ali, gewappnet mit den amerikanischen Heldenmythen ihrer Jugend, machen sich auf nach Europa. Sie wissen: wie einst Charles Bronson in "Spiel mir das Lied vom Tod" werden sie später in ihren arabischen Heimatort zurückkehren, als "Sieger", als die, zu denen man aufschaut, als die, die es geschafft haben! Aber Andalusien ist nicht der wilde Westen und die Gemüseplantage aus Plastik nicht die weite Prärie. Außerdem: gebückt läßt sich schlecht reiten und mit gebrochenem Finger schießt sich schlecht.
Ein groteskes, surreales Requiem. Ein makabres Traumspiel.
PRESSESTIMMEN zur Uraufführung
bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen:
Neue Osnabrücker Zeitung
īDie Zeit der Schildkröten` ist Kerstin Sprechts neuestes Stück, das, vom Freien Schauspiel Ensemble Frankfurt eigens für die Ruhrfestspiele erarbeitet, nun im Kleinen Theater auf dem grünen Hügel von Recklinghausen eine umjubelte Uraufführung erlebte.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Ali und Sami sind ganz arme Schweine. `Illegale` aus dem Magreb, die ein Vermögen dafür bezahlt haben, um auf einer Fähre nach Europa zu gelangen, und Südspanien als Ernte-helfer gestrandet sind. In einem Gewächshaus liegen sie, garniert von Gurken und Zucchini, Tomaten und Paprika, unter Plastikfolien, ... angeschossen, als sie mit einem Auto voller Drogen weiterfuhren, das die Polizei anhalten wollte. Nun stürzen sich Fotografen auf sie, decken die Planen ab und arrangieren ihre Körper zu Elendsskulpturen. Als sie plötzlich auf-schrecken und sich lautstark wehren: īBitte keine Fotos!`. Wenn die Toten erwachen, rollen sie ihre Biografien auf, kramen sie in Erinnerungen: Gegenseitige Vorhaltungen und frühe Demütigungen, verpaßte Gelegenheiten und falsche Versprechungen ...
Recklinghäuser Zeitung
... sehr poetisch, mit einem eindringlichen Klangteppich unterlegt, dann wieder höchst zynisch und absurd, stehen die Bilder nebeneinander im Raum. ... Auf der Bühne von Gerd Friedrich wird die Plastikplane am Ende zum schützenden Kokon, zum Blumen geschmück-ten Altar, zum Heldendenkmal. Die beiden Toten haben die kontroverse Diskussion um Illegale, Ausgrenzung und eine Zwei-Klassen-Gesellschaft erneut angefacht.
dpa
Karg, subtil und anrührend.
Donaukurier
Die Inszenierung des Freien Schauspiel Ensembles Frankfurt nimmt Spechts Text alle Poesie, indem sie ihn grob und realistisch wie ein Fassbinder-Stück in Zeiten des Agitprop spielen lässt.
Frankfurter Rundschau
... eine konzentrierte poetische Inszenierung ...
Kölnische Rundschau
Ist schon die Ausgangssituation grotesk, so heben Einsprengsel Spechts Stück zunehmend in den Rang eines Requiems für Verlassene, voller Vergeblichkeit. Kerstin Spechts Traum-spiel ist Bestandsaufnahme mit Herz, keine Anklage. Es lässt in die Seelen von Menschen blicken, die in einer vermeintlichen globalen Welt immer die Verlierer sein werden. Reinhard Hinzpeter hat diese Zwischenwelt ebenso leicht wie eindringlich in Szene gesetzt. Frank Hoffmann, nach kurzer Castorf-`Ära` bereits als (finanzieller) Retter der Ruhrfestspiele gefeiert, darf man dazu gratulieren, dass er die Ruhrfestspiele mit Neuem zu beleben und zu verjüngen versucht.//
Tag für Tag landen im Süden Europas illegale Einwanderer aus Afrika, die im Paradies Europa ein zweifelhaftes Glück suchen. Sami und Ali arbeiten für Hungerlöhne in Gemüseplantagen und begreifen sehr schnell, dass für sie in dieser Wohlstandsgesellschaft kein Platz ist, dass sie immer Ausgestoßene und Gejagte bleiben werden, Verbrecher ohne Verbrechen. Lästig wie die Schmeißfliegen auf den fauligen Bergen von Plastikfolien, Zucchini, Düngemitteln, Auberginen und Tomaten, auf denen ihre Leichen zurückbleiben, nach einem armseligen Versuch, auch ein Stück vom großen Wohlstandskuchen abzubekommen.
Ein groteskes, surreales Requiem, wo diese Toten wieder auferstehen und wieder die gleichen falschen Hoffnungen träumen, die gleichen erbarmungslos alltäglichen Schlachten um Nähe, Wärme, Annerkennung schlagen, die gleichen Demütigungen erfahren, die gleichen linkischen Gaunereien versuchen, in die gleichen Fallen gehen und ihrem kleinen Glück davonlaufen. - Ein grausames Märchen - aus dem Leben gegriffen, ein makabres Traumspiel, ein andalusischer Totentanz, ein absurder, trivialer Show-Down von zwei Helden, die immer Looser waren? - Es gibt viele Möglichkeiten, das Stück zu lesen, viele Wege, seine Geschichte zu erzählen. Gerade diese Offenheit und Polyvalenz des Textes ist seine Stärke, ist, was uns neugierig macht.