Sache FRANKFURTER RUNDSCHAU - Feuilleton
Printausgabe vom 15.09.2008

DEN NERV GETROFFEN
von Jamal Tuschik

Sie sind seit zehn Jahren verheiratet und offensichtlich nicht nur billigen Umständen entsprechend in ihrer Ehe zufrieden. In einer stillen Stunde bilanzieren Marianne und Johan ihr Glück. Die Anwältin erklärt es sich so: "Wir sprechen eine Sprache". Der Dozent wird im Lapidaren fündig: "Wir haben genug Geld". Er holt aus, rühmt seine Liebhaberqualitäten und stellt sich auf einen Sockel sozialer Kompetenz: "Ich bin ein guter Sohn".Bald muss er lernen, wie brüchig sein reduktionistisches Laissez-faire-Konzept ist, wie durchlässig es ist für negative Einflüsse. Vorher allerdings wird Marianne schwanger, mit bedingtem Vorsatz. Die Mutter von zwei Töchtern nimmt deren Vater ins Gebet. Johan kann seine Indifferenz kaum verbergen: "Du bist immer so süß, wenn du einen dicken Bauch hast". Im Grunde versteht er die Ehe als Projekt seiner Frau. Mit ihren Entscheidungen nimmt sie ihm die Last der Verantwortung ab und garantiert seiner Bequemlichkeit eine erfreuliche Umgebung. So sieht das Auftakttableau von "Szenen einer Ehe" in einer Inszenierung des Freien Schauspiel Ensembles in der Frankfurter Schmidtstraße aus.

Reinhard Hinzpeter führt Regie, Bettina Kaminski und Jürgen Beck-Rebholz spielen - auf einer rosigen Zeltbahn. Das Bühnenbild von Gerd Friedrich überzeugt ohne große Verschiebungen als Idylle ebenso wie als Kampfplatz und Ort der Verzweiflung. Die Dialoge folgen gerafft dem Ingmar Bergman-Original von 1973. Ich habe den Kinofilm nie gesehen, erinnere mich aber noch an die Furore, die er damals machte. Der Film traf einen bürgerlichen Nerv, der im Verlauf der letzten fünfunddreißig Jahre nicht verödet wurde. Marianne treibt ab, das Paar setzt seine Routine fort. Man nimmt Einladungen an, sieht Ibsen im Theater, ertüchtigt sich und gibt sein Bestes im Bett. Man unterhält sich mit kleinen Abweichungen. Sie wirken wie Zement auf die Beziehungshauptstrecke ... bis Johan sich in eine viel jüngere Paula verliebt.

Was kommt, kennt man und findet es famos auf die Bühne gebracht. So unglaublich gut, dass sich tatsächlich 180 Minuten lang keine Langeweile einnistet. Von Paula entfesselt und revitalisiert, gelingt Johan ein grobes Fazit seiner Ehe. Marianne kämpft um deren Fortbestand, als einem Ausweis ihres Selbstbildes. Das beschreibt nicht erschöpfend, was sie treibt. Bettina Kaminski zeigt alle möglichen Facetten eines weiblichen Lebensplans, der von Johans Regressionspotential erschüttert wird.

Johan bleibt nur kurz im Aufwind, dann bringt Paula ihm bei, was ein Mann in seinen besten Jahren der biologischen Evolution bedeutet. Verschnupft und gestaucht will er zurück ins Nest. Doch hat er sein Glück verspielt. Trotzdem sind sich Marianne und Johan auch Jahre später noch gewogen. Miteinander betrügen sie ihre neuen Partner. Das steht wohl so im Manuskript, mir erscheint dieser Schluss zu komfortabel. Da wuselt das illegale Paar beckettesk an unwirtlicher Stelle in Schlafsäcken herum, à la "werdet wie die Kinder".

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