DER THEATERMACHER FRANKFURTER RUNDSCHAU - Feuilleton
Printausgabe vom 01.02.2010

ER HAT SCHON ALLES HINTER SICH
von Judith von Sternburg

Eine übergeordnete Gerechtigkeit, die das Genie nicht höher bewertet als die Leistung von uns anderen, zieht folgende schöne Konstellation nach sich: Eben noch konnte man im Briefwechsel zwischen Siegfried Unseld und Thomas Bernhard lesen, wie Bernhard sich einst zwischen Schimpfen und Besserwissen den Kopf zerbrach für die geeignete Besetzung seines "Theatermachers" bei den Salzburger Festspielen unter der Regie von Claus Peymann. Bernhard Minetti? Will Quadflieg? Traugott Buhre? Und schon spielt ihn Axel Siefer im Saal des Freien Schauspiel Ensembles in der Frankfurter Schmidtstraße. Und das ist auch ganz prima.

Axel Siefer zeigt einen Staatsschauspieler Bruscon, der gerade noch auf sich hält: das Haar in Künstlerlänge, der Blick eingangs noch stabil, die Tiraden exakt, die Grundstimmung ohne Übertreibung schlecht, die Verzweiflung eher müde als sanguinisch. Rührend, wie er sich über seine Frittatensuppe freut (Rezept auf dem Programmzettel), wenngleich auf sonst nichts mehr. Denn die Inszenierung von Reinhard Hinzpeter schlägt eine konsequente Richtung ein. Der Hinzpetersche Theatermacher hat schon alles hinter sich und es nur selbst noch nicht begriffen. Seine Familie taucht nicht auf. Was gesagt werden muss, sagt der lethargische Geselle (Thomas Schrage), der ein Hoteldiener zu sein scheint. Beim Näherrollen des Krankenbetts dämmert dem Publikum aber, dass dies keineswegs der Schwarze Hirsch in Utzbach ist. Bruscon selbst bleibt arglos, nicht zuletzt, weil es so auch nicht im Text steht.

Während er fast zwei pausenlose Stunden lang bernhardisch monologisiert, bereitet der Geselle das Bett vor, zieht ihn aus, steckt ihn in einen Krankenhauskittel. Ins Bett klettert er fast schon allein. Das war höchste Zeit. Das ist sehenswert. Das beantwortet allerdings auch die Frage eindeutig, ob wir einen armen Irren oder einen verkannten Künstler vor uns haben. Und der Irrwitz, dass die Utzbacher Feuerwehr erlaubt, was die Salzburger Feuerwehr 1972 verboten hatte (nämlich das Ausknipsen der Notbeleuchtung für Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige"), geht ins Leere, wenn damit bloß ein Verrückter beruhigt werden soll.

Hinzpeter scheint böser, ist aber am Ende milder als Bernhard, der seine Theatermacherfamilie im leeren Saal des Schwarzen Hirschen im Regen stehen ließ.

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